Auch die schönsten Momente sind eben nur Momente.

Der Moment, als der Neuseeländer Edmund Hillary auf dem Mount Everest stand, war begrenzt durch den mitgeführten Sauerstoff. Unser Gipfelmoment war begrenzt durch die in zwei Stunden hereinbrechende Nacht.
Hier standen wir nun am Cape Reinga.
Kein Campingplatz. Keine Bushaltestelle. Kein Internet. Kein Telefon.
Nix mehr zu essen. Camping verboten.
Am Cape gibt es nur Touristen in zweisitzigen Wohnmobilen.
Die Maories, die hierherkommen bringen immer die ganze Familie mit Omma und Oppa mit.
Keine Chance zum Trampen.

Ein junges französisches Paar bietet uns an, uns bis zum nächsten Campground mitzunehmen. Doch auf diesem Campground gibt es noch weniger als hier am Cape. Dorthin zu gehen wäre keine Verbesserung. Sie sind untröstlich, dass sie uns nicht helfen können. Zum Überlebem schenken sie uns eine Banane, einen Apfel und eine Dose Mais – so süß! Wir sind gerührt.

Durch die Diskussion mit den Franzosen sind zwei deutsche Jungs auf uns aufmerksam geworden. Sie wollen eigentlich auch nur auf den nächsten Campground, disponieren dann aber um und sagen: „Wir fahren euch nach Te Kao“. Dort soll es Internet geben.
Die Franzosen stehen dabei und freuen sich mit uns. Dann fahren sie weiter und wir gehen zum gestern erworbenen Kombi der beiden deutschen Work-and-Traveller.
Der Kombi ist bis unters Dach voll mit Gepäck und Matratze. Durch geschicktes Zusammenpuzzeln der Gepäckstücke plus unserer beiden Rucksäcke gelingt es, dem Fahrzeug noch eine Passagiertransportnische abzutrotzen. Martina und ich liegen in pränataler Hockstellung auf der Matratze – mit den Wanderschuhen berühren wir die Heckscheibe, der Fahrzeughimmel ist zehn Zentimeter von der Schulter entfernt. Bei geöffneten Kurbelfenstern gelangt etwas Luft nach hinten zu uns.

Bis Te Kao sind es mindestens zwanzig, eher dreißig Kilometer.
Wir finden in Te Kao auch wirklich eine Übernachtungsgelegenheit. Das klingt jetzt nicht so spannend, aber hinter dem Ortschild „Te Kao“ ist nur Weideland. Und usere Übernachtumgsgelegenheit ist das einzige Haus weit und breit.
Die beiden Jungs haben uns jedenfalls in die Zivilisation zurückgebracht – vielen vielen Dank nochmals von hier per Internet.

Von Te Kao aus gibt es wenigstens Internet. Ich kann also gleich die Übernachtung für Morgen in Kaitaia klarmachen. Kaitaia ist von umserem aktuellen Standort aus, die nördlichst gelegene Stadt mit regelmäßiger Busanbindung. Jetzt müssen wir nur noch dorthin kommen. Bis Kaitaia sind es noch 60km.
Unsere Wirtin empfiehlt uns, die zweieinhalb Kilometer bis zur Dairy von Te Kao zu laufen und von dort ab zu Hitchhiken. Irgend ein Ortsansässiger würde uns bestimmt mitnehmen.

Wir laufen am nächsten Morgen zur Dairy. Die Ortsansässigen wollen heute allerdings ihren Ort nicht verlassen. Wir stehen also im Regen – es hatte kurz nachdem wir bei der Dairy waren angefangen. Nach zwei erfolglosen Trampstunden rufe ich bei Harrison’s Caperunners an. „Ja, die Busse kommen in Te Kao vorbei und halten bei der Dairy. Ihr zahlt einfach dem Fahrer die 50 NZ$ pro Person, dann nimmt er euch mit“.
Okay, wir haben jetzt also die Option unsere ganze 90-Mile-Beach-Tour als Touristen nochmals zu durchleben. In einer halben Stunde sind die Busse da.

Wie es im Leben gerne so ist, hält ein Maori direkt nach meinem Anruf bei Harrison bei uns an. Ja, er nimmt uns mit nach Kaitaia – hopp in. Er fährt zum Weinen nach Kaitaia. „Wenn jemand gestorben ist, dann kommen alle zusammen und weinen drei Tage lang“, erklärt er mir. Ich verstehe nicht wie seine verwandschaftliche Beziehung zu der Verstorbenen war, aber aus einem langen Leben gibt es ja noch viele Themen – von der Schule, über das Erstgeburtsrecht, das Land, die Religion haben wir so ziemlich jedes Thema gestreift. Er fährt nicht zu schnell, erkundet von links außen bis rechts außen alle Bereiche der Fahrbahn und lässt uns schließlich nach einer Stunde im Stadtzentrum von Kaitaia raus. Was soll man da sagen? Vielen Dank und noch viele gute Tage.

Wir gehen erstmal Frühstücken.
„Two large Cappuccinos, please“. Natürlich begleitet von scrumbled egg, ham, toast und allem was so dazugehört.

Nachmittags gehen wir zu Billy. Zwei Übernachtungen haben wir bei ihm gebucht, denn erst für den 02. Mai haben wir noch Platz im Bus nach Auckland bekommen. Billy kümmert sich rührend um uns. Er bringt uns zum Farmersmarkt, damit wir ein handgemachtes Brot bekommen. Er fährt uns ins Kauri-Kingdom, weil man das mal gesehen haben muss. Einen Baumstamm, der so dick ist, dass man eine Wendeltreppe darin einbauen kann.

Billy, vielen Dank. Es war schön dich kennengelernt zu haben.

Das war unser Te-Araroa – unser langer Fußweg.

Billy hatte ich gefragt, ob ich ein Bild von ihm ins Internet stellen darf, die Privatsphäre der vielen Anderen, die uns so wundervoll unterstützt haben, möchte ich nicht durch Bilder im Netz stören.

Vielen Dank an Alle.

3 Kommentare

  1. Viele liebe Grüße nochmal. Ich bewundere Euch und hoffe, dass die folgenden Wochen alle Knie wieder heile machen. Der 90 Mile Beach war sehr schön, vor allem die letzten Fotos. 30 km am Strand lang…ich nehme an, es gibt kaum noch Probleme auf dieser Welt, die Ihr in den Tagen am Strand entlang nicht gedanklich gelöst habt, oder ?
    Beeindruckend finde ich neben vielem anderen auch Eure Sonnenbrandfreiheit, zumindest war glaube ich nur einmal irgendwo am Anfang kurz die Rede davon.
    Ich wünsche Euch noch viele schöne Tage in Asien, bis Ihr wieder ins momentan unverschämt kühle Deutschland kommt.

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